xentral und die Frage, ob ERP noch ein Programm sein muss
Ein ERP-System bündelt Abläufe, aber nicht automatisch Verantwortung. Das Augsburger Unternehmen xentral steht für die Idee, Unternehmensprozesse als zugängliche Plattform zu organisieren.
Redaktion Techspiegel5 Min. Lesezeit
Start-upsOpen SourceProduktivitätSchwerpunkt: KI mit Bodenhaftung

Inhalt dieses Beitrags
Ein ERP-System war lange ein Programm auf einem Server im Haus, mit Wartungsvertrag und einer Person, die sich damit auskennt. xentral aus Augsburg vertreibt die andere Variante: eine gemietete Plattform, die Auftrag, Lager, Rechnung und Versand bündelt und über Schnittstellen mit Shops und Marktplätzen spricht. Damit lässt sich die Frage im Titel beantworten. Die zweite Frage, wer den Datenbestand und die Verantwortung dafür trägt, bleibt davon unberührt.
Was muss ein ERP bündeln?
Der Nutzen eines ERP entsteht nicht durch die Zahl der Funktionen, sondern durch Einmaligkeit. Ein Artikel hat eine Nummer, einen Bestand und einen Preis, und alle Beteiligten sehen dieselbe Zahl. Sobald Bestellungen in einem Shop, Rechnungen in einem Buchhaltungsprogramm und Bestände in einer Tabelle gepflegt werden, existieren drei Wahrheiten über denselben Vorgang. Wann eine Tabelle noch trägt und wann ein System daneben gehört, behandelt der Beitrag über den Weg vom Excel-Sheet zum verlässlichen Auftrag.
Gebündelt werden zuerst Stammdaten: Artikel, Kunden, Lieferanten, Preise, Lagerorte. Alles andere baut darauf auf. Wer diese Ebene unsauber hält, automatisiert später vor allem Fehler. Wo eine Information auf dem Weg vom Auftrag zur Rechnung verloren geht, ist im Beitrag über den Auftrag, der noch auf Papier ankommt, nachgezeichnet.
Die zweite Frage lautet, wie viel Anpassung nötig ist. Jeder Betrieb hat Eigenheiten: Staffelpreise, Mindestbestellmengen, Sonderverpackungen, Kunden mit eigenen Artikelnummern. Ein Standardwerkzeug deckt davon einen Teil über Einstellungen ab und den Rest über Erweiterungen. Für die Auswahl ist entscheidend, ob eine Anpassung ein Update übersteht, nicht wie viele Felder sich umbenennen lassen. Wer für jede Sonderregel eine Programmierung braucht, zahlt sie bei jeder Aktualisierung erneut.
Wie offen bleibt der Datenbestand?
Ein System, das Prozesse bündelt, wird schnell zur geschlossenen Kiste. Die Gegenfragen sind unspektakulär und entscheidend: Gibt es eine dokumentierte Schnittstelle? Lassen sich Stammdaten und Belege vollständig exportieren? Und kommt dabei ein Format heraus, das ein anderes Werkzeug lesen kann, ohne dass jemand ein Sonderprogramm schreibt?
xentral beschreibt sein Produkt als Plattform mit Integrationsbaustein, eigener Programmierschnittstelle und einem Marktplatz für Erweiterungen. Auf der Unternehmensseite finden sich Integrationen zu Shopsystemen und Marktplätzen sowie eine Entwicklerdokumentation. Unter den Funktionen führt die Seite einen MCP-Server. MCP steht für Model Context Protocol, eine Schnittstelle, über die KI-Assistenten auf die Daten eines Systems zugreifen können. Für einen Betrieb heißt das: Der Datenbestand bekommt eine weitere Tür. Wer sie öffnet und wer sie benutzen darf, sollte vorher geklärt sein. Womit ein KI-Vorhaben sinnvoll beginnt, steht im Beitrag darüber, mit welchem Problem ein KI-Projekt anfangen sollte.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Herkunft. Nach der eigenen Unternehmensgeschichte entstand das System, weil der Gründer für sein Hardwaregeschäft kein Warenwirtschaftssystem fand, das zu seinen Anforderungen passte, und deshalb selbst eines programmierte, auf Basis von Open-Source-Technologien. Das Unternehmen schreibt, diese Grundlage trage das Produkt bis heute, und es extrahiere zweimal im Jahr eine kostenlose Version, die die wichtigsten Geschäftsprozesse abdecke. Das ist eine Unternehmensangabe. Sie beschreibt eine offene Wurzel, nicht automatisch ein offenes Produkt: Wer die gehostete Plattform mietet, betreibt keine freie Software, sondern nutzt einen Dienst.
Die Exportfrage ist konkreter, als sie klingt. Zu prüfen ist, ob Artikel, Kunden, Aufträge, Rechnungen, Lagerbewegungen und angehängte Dokumente in einem gängigen Format herauskommen und ob die Beziehungen zwischen den Datensätzen erhalten bleiben. Ein Ausstiegsplan gehört vor die Unterschrift, nicht in das Jahr, in dem eine Zusammenarbeit endet.
Wer kann das System im Alltag betreiben?
Über den Erfolg entscheidet weniger die Software als die Frage, wer sich kümmert. Ein ERP braucht jemanden, der Artikelnummern vergibt, Preise pflegt, Lieferantenstammdaten aktuell hält und am Monatsende die offenen Posten prüft. Hängt diese Arbeit an einer Person, ist ihr Ausfall das größere Risiko als ein Server. Wie eine Übergabe aussieht, die auch am nächsten Morgen noch verständlich ist, beschreibt der Beitrag über die Übergabe zwischen Schichten und Tagen.
Zweitens bleibt Handarbeit an den Rändern. Lieferscheine, Bestellungen per E-Mail und Belege in Papierform enthalten Informationen, die ein ERP nicht von selbst versteht. Warum das Lesen solcher Dokumente eine eigene Aufgabe ist, beschreibt das Porträt über Software, die Dokumente erst lesbar macht.
Drittens die Reihenfolge. Ein Wechsel von der Tabelle auf eine Plattform in einem Zug überfordert kleine Teams. Wer zuerst einen Auftragstyp umstellt und den Rest vorerst so lässt, merkt früher, wo es klemmt; wie ein solcher begrenzter Versuch aufgesetzt wird, steht im Beitrag über den Pilot, der klein bleiben darf.
Im fiktiven Beispiel eines Händlers mit neun Beschäftigten werden zuerst die Artikelstammdaten bereinigt, danach die Auftragsbestätigung automatisiert und erst im dritten Schritt die Versandabwicklung umgestellt. Jeder Schritt hat eine Person, die ihn verantwortet, und eine Bedingung, unter der er zurückgenommen wird.
Zur Zuständigkeit gehört auch der Support. Wer hilft, wenn eine Rechnung nicht rausgeht, und über welchen Weg? Viele Anbieter arbeiten mit Partnerbetrieben, die einrichten und schulen. Das kann eine gute Lösung sein, verlagert die Frage aber nur: Dann muss der Betrieb prüfen, wie eng er an diesen Partner gebunden ist und was passiert, wenn dieser die Zusammenarbeit beendet.
Was von der Frage übrig bleibt
Ein ERP muss heute kein Programm im Haus mehr sein. Es kann ein gemieteter Dienst sein, der im Browser läuft und dessen Schnittstellen mehr können als eine Installation von vor zwanzig Jahren. Die Verantwortung wandert dabei nicht mit: Stammdaten, Berechtigungen, Export und ein Ausstiegsplan bleiben Aufgaben des Betriebs, unabhängig davon, wo die Datenbank steht.
Für diesen Beitrag haben wir ausschließlich öffentlich zugängliche Unterlagen des Anbieters und Fachliteratur ausgewertet. Nicht geprüft und deshalb nicht behauptet werden: aktuelle Kunden- und Umsatzzahlen, Preise und Vertragsmodelle, die Qualität des Supports im Einzelfall und die Frage, wie sich das System in einem konkreten Betrieb schlägt. Wir haben es nicht getestet.
Eine Kleinigkeit fällt bei der Lektüre der eigenen Unternehmensgeschichte auf: Der Artikel nennt 2015 als Jahr der Firmengründung, die Fragen und Antworten auf derselben Seite nennen 2017. Solche Widersprüche sind kein Skandal, aber ein guter Grund, Marketingangaben nachzuvollziehen, statt sie zu übernehmen. Das Impressum nennt als Anbieter die Xentral ERP Software GmbH in Augsburg mit Benedikt Sauter und Domenico Cipolla als Geschäftsführern. Diese Angabe lässt sich überprüfen. Die Zahlen dahinter nicht.